Hinweis

Für dieses multimediale Reportage-Format nutzen wir neben Texten und Fotos auch Audios und Videos. Daher sollten die Lautsprecher des Systems eingeschaltet sein.

Mit dem Mausrad oder den Pfeiltasten auf der Tastatur wird die jeweils nächste Kapitelseite aufgerufen.

Durch Wischen wird die jeweils nächste Kapitelseite aufgerufen.

Los geht's

Auf ein Bier

Logo http://cnv-redaktion.pageflow.io/auf-ein-bier

Von Jara Tiedemann
Produktion: Josip Pejic
Zum Anfang
Zum Anfang
Egal ob 18 oder 80, Fischer oder Anwalt, Mann oder Frau. In der Traditionskneipe „Elbe 1“ kommt alles zusammen und ist jeder willkommen. Pächterin Susanne Wehrs und ihre Tochter Nina Rummrich sorgen seit Ende 2016 nicht nur dafür, dass immer ein kühles Blondes auf dem Tisch steht, sondern haben auch ein offenes Ohr für ihre Gäste.

Um die 90 Jahre hat die „Elbe 1“ schon auf dem Buckel und ist somit eine der ältesten Kneipen Cuxhavens. Trotzdem: Mitten im ehemaligen Rotlichtviertel Cuxhavens öffnet sie nach wie vor ihre Türen. Dienstags bis Sonntags, 19 Uhr abends bis 6 Uhr morgens.
Zum Anfang
Die Frühschicht gehört Susanne. Ab 23 Uhr übernimmt Tochter Nina das Ruder. Sie hatte damals die Idee, die „Elbe 1“ weiterzuführen, nachdem klar war, dass der vorherige Pächter es nicht tun würde. „Mama, lass uns das zusammen machen, sagte sie zu mir“, erinnert sich Susanne. Die musste eine Nacht darüber schlafen – und: war dabei.

Erfahrung in der Gastronomie haben beide Frauen. Susanne ist gelernte Köchin, ihre Tochter stand bereits früher in der „Elbe 1“ hinterm Tresen. Seitdem das Mutter-Tochter-Gespann nun das Sagen in der Kneipe hat, hat sich hier einiges verändert. „Zum Positiven“, sagt Susanne.

„Früher flog hier alle drei Tage ein Seemann durch die Fensterscheibe. Ständig war die Polizei da und es gab üble Schlägereien“, erinnert sich die 56-Jährige, die als Gast selbst die alten Zeiten der Kneipe miterlebt hat.
Zum Anfang
Damals war die „Elbe 1“ feste Anlaufstelle für alle, die von See kamen und Durst auf ein, zwei oder mehr Bierchen hatten. „Hier konnten die Seeleute so hinkommen, wie sie waren. Mit Gummistiefeln und in voller Montur. Ob sie nach Fisch gestunken haben, hat niemanden interessiert.“ Drei Tage und drei Nächte haben sie hier ihren Durst gestillt, bevor sie wieder ablegen mussten.

Doch nicht nur das. „Erst kam der Alkohol, dann die Lust auf Frauen. Aber seit hier nebenan der Puff dicht gemacht hat, müssen wir die Männer nach Bremerhaven schicken“, beklagt Nina. Das merke man auch am Geschäft. Nach wir vor kämen schließlich noch einige Seeleute und andere Männer her, die irgendwann fragen: „Und wo bekommen wir jetzt Mädchen her?“

Auch wenn es in den vergangenen Jahren deutlich weniger geworden sind. Die „Elbe 1“ hat bis heute den Ruf, eine verruchte Kneipe in einer zwielichtigen Ecke zu sein. „Vor allem unsere älteren Gäste erinnern sich natürlich noch an die früheren Zeiten“, sagt Susanne.
Zum Anfang
Dabei haben sie und ihre Tochter den Laden ordentlich umgekrempelt. Optisch nicht. Es ist bei der typisch maritimen Einrichtung inklusive Fischen, Rettungsringen und Seemannsknoten geblieben. „Aber alle, die früher Ärger gemacht haben, haben Hausverbot bekommen.“ Und auch wer spontan einen auf dicke Hose macht, fliegt. „Da kümmern sich ein paar bestimmte Stammgäste drum. Ein Blick reicht“, sagt die 29-jährige Nina.

Bei anderen Gästen wiederum kommt ihr weibliches Feingefühl zum Tragen. „Einige schütten uns mit steigendem Pegel ihr Herz aus. " Da müssen wir schon mal Seelsorger spielen.“  

Doch das machen die beiden gerne. Und auch mit derben Sprüchen und der einen oder anderen Anmache kommen sie klar. Das gehöre eben dazu.
Zum Anfang
Das Schönste am Kneipenleben? „Jeder Tag ist wie eine Wundertüte. Du weißt nie, was passiert und wer kommt. Das ist sehr reizvoll“, findet Susanne. Vor allem lerne man hier so viele Menschen kennen. „Bäcker, Offshore-Leute, Hartz-IV-Empfänger, Fischer, Anwälte, Touristen. Hier kommt alles zusammen.“

Ein Job, für den man geboren sein muss. Susanne ist es. „Hier zu arbeiten, ist für mich Erholung“, sagt sie.
Zum Anfang
Seit zwölf Jahren betreibt Uwe Rohn die  vielleicht traditionsreichste Trinkstube „Die Kleine Kneipe“ in der Deichstraße. Moderner Schnickschnack? Fehlanzeige. Stattdessen sorgen die Gäste selbst seit vielen Jahren für die einzigartige Inneneinrichtung und machen seinen Laden damit zu einem waschechten Unikat. Rohns Devise: „Du
musst sabbeln und zuhören können.“
Zum Anfang
„Die Kleine Kneipe“ öffnet ihre Türen. Inhaber Uwe Rohn begrüßt mich mit einem breiten Lächeln und einem herzlichen „Moin!“. Zugegeben, es ist nicht mein erster Besuch hier, doch zumindest der erste zu so früher Stunde. Der einzige Gast bin ich trotzdem nicht. Auch „Knoten-Peter“ sitzt schon am Tresen.

Ich schaue mich um, während im Hintergrund das Lied „An der Nordseeküste“ aus der Musikbox tönt. Wie passend, denke ich. „Eine neumoderne Musikanlage gibt’s hier nicht. Alle Lieder kommen aus der Box“, erzählt mir Uwe stolz. Vor allem maritime Lieder spuckt sie aus, aber auch vieles aus den 80ern und Schlager sind dabei.
Zum Anfang
Während Uwe mir von seinem Schmuckstück berichtet, fällt mir auf, wie viel mehr es hier noch zu entdecken gibt. Die Decke und Wände hängen voll. Darunter zum Beispiel Schiffslaternen, Holzboote oder echte Kugelfische. Doch auch viele Bilder von Schiffen, die in den vergangenen Jahren vor Ort angelegt haben und deren Besatzungen auf ein, zwei oder auch mehr Bierchen vorbeigeschaut haben, findet man dort. „Jeder Seemann lässt was hier.“

Ob es nun ein Foto ist, ein Geldschein von Übersee oder einfach nur seine Geschichte. Aber nicht nur Seeleute kommen zu Uwe. Auch viele Einheimische und Touristen. So hat sich an der Decke zum Beispiel ein Meer aus Schals diverser Fußball-Vereine ausgebreitet. Ein freier Platz ist nur schwer zu finden.
Zum Anfang
Über dem Tresen ist außerdem eine kleine Kollektion aus Baseball-Mützen entstanden. „Hier bleibt natürlich auch mal ungewollt was zurück. Einige Gäste sehen das und wollen sich dann auch mit etwas verewigen. Hier ist nichts gekauft.“

Und auch Peter Meister alias „Knoten-Peter“ hat seinen Teil dazu beigetragen, indem er Bilder, Figuren und alles, was ihm sonst in die Hände fällt, mit echten Seemannsknoten verziert.

Kein Wunder, dass Uwe seine Kneipe gerne mit einem Museum vergleicht. „Selbst ich entdecke hier immer noch was Neues“, erzählt er mit leuchtenden Augen. Viele der maritimen Deko-Objekte stammen allerdings noch aus der Zeit vor Uwe. Bis 1986 war „Die Kleine Kneipe“ in der Marienstraße zu Hause. Insgesamt blickt sie auf eine Geschichte von über 50 Jahren zurück.
Zum Anfang
Zwölf Jahre davon steht Uwe nun hinterm Tresen – und das mit Herz und Seele. Das muss er auch, denn die Zeiten haben sich geändert. Gerade die Gäste, die eine echte Hafenkneipe ausmachen – waschechte Seebären – werden immer weniger. „Die Seefahrt hat sich gewandelt. Besatzungen werden kleiner und Liegezeiten immer kürzer. Viele Seeleute gehen nur noch kurz an Land.“

Das spürt nicht nur Uwe, sondern spiegelt sich auch im gesamten Lotsenviertel wieder. Wo sich in der 60er- und 70er-Jahren noch Hafenkneipe an Hafenkneipe reihte, sieht es heute sehr viel beschaulicher aus.

Doch gerade das ist es, was den Cuxhavener, der selbst nie zur See gefahren ist, antreibt. Er will Traditionen bewahren und hochhalten. „Hier bei mir treffen sich Menschen aus aller Welt und aus allen Kulturen. Das macht einfach nur Spaß.“
Zum Anfang
Dabei geht sein Job weit über den eines Wirtes hinaus. „An manchen Tagen bin ich Krankenschwester, Seelsorger, Sozialpfleger und Amor in einem“, erzählt er. Viele Dramen haben sich schon vor seinem Tresen abgespielt. „Als Wirt musst du sabbeln und zuhören können. Ich habe immer ein offenes Ohr für meine Gäste. Mir ist das Menschliche wichtig. Wir sind hier eine Familie“, sagt er und man spürt, dass er es ernst meint. Dabei hat der Kneipier eine klare Regel: „Verarsch mich nicht!“

Wer das tut, der fliegt. „Die Leute sollen hier lachen und Spaß haben.“ Dafür steht sein Laden.

Was ihm seine Kneipe bedeutet, möchte ich abschließend von ihm wissen. „Sie ist mein Herz und meine große Liebe“, antwortet er, ohne lange nachzudenken. Uwes Augen leuchten. Seemannsgarn, so viel steht fest, klingt definitiv anders.
Zum Anfang
Wen der Bierdurst zu später beziehungsweise früher Stunde quält, der ist im „Deichtreff“ gut aufgehoben. Und auch eine SOS-Bockwurst bekommt man hier, wenn gar nichts mehr geht. Bereits 20 Jahre ist die Kneipe in der Deichstraße 28 Anlaufstelle für Nachtschwärmer aus aller Welt. Die gute Seele hinterm Tresen ist Conchi.

„Kredit nur an Hundertjährige in Begleitung der Großeltern“ steht auf dem laminierten Zettel geschrieben, der über dem Sparclubkasten und den Spielautomaten in der Ecke hängt. Klare Ansage. Und das ist wichtig, denn nicht alle Gäste, die bei Maria Abalo Beloso, genannt Conchi, eintrudeln, halten sich an die Regeln. „Aber dafür habe ich zum Glück meine Stammgäste. Da genügt ein Blick und sie schmeißen die Leute für mich raus“, erzählt die gebürtige Spanierin. Tja, die Frau weiß, wie’s läuft.
Zum Anfang
Kein Wunder, schließlich hat sie das Kneipenleben von der Pike auf gelernt. Denn ihr Vater Manuel Abalo war ein waschechter Gastronom. 1967 gründete Abalo die Kneipe „Bar España“. Ebenfall in der Deichstraße 28.

„Seit ich neun Jahre alt war, bin ich immer mit in die Kneipe gekommen. Als ich älter wurde, habe ich dort ausgeholfen. Das war ganz normal“, erzählt Conchi, die mit vier Jahren aus der spanischen Stadt Vigo mit ihrer Familie nach Cuxhaven gezogen ist. Das Haus in der Deichstraße 28 ist seit jeher im Familienbesitz der Abalos. Und schon immer war unten eine Kneipe. „In den 50er-Jahren hieß das hier noch Kugelbake.“

Nachdem sich ihr Vater entschied, wieder zurück nach Spanien zu gehen, übernahm dann Conchi vor 20 Jahren das Ruder und verpasste der Kneipe ihren nordischen Namen „Deichtreff“, „damit auch die Cuxhavener kommen.“
Zum Anfang
Und so ist es. „Hier landen alle. Alles, was nachts kreucht und fleucht. Vom einfachen Mann über den Hafendirektor bis hin zu anderen Wirtsleuten.“ Der „Deichtreff“ macht seinem Namen alle Ehre und ist zu einem festen Treffpunkt – am Deich – geworden. Dartspieler, aber auch viele Seeleute kommen gerne her. Und zwar sechs Tage die Woche. Wie es sich für eine echte Hafenkneipe eben gehört.

Für all jene Gäste, die nicht nach Hause wollen, hat Conchi einen altbewährten Spruch auf Lager: „Der Deichtreff macht dicht, bei Karl brennt noch Licht.“ Mit Karl meint sie Karl Schlömer von der benachbarten Kneipe „Kiek In“. Denn der öffnet, wenn andere schließen.

Das Kneipenleben in der Deichstraße hat sich in den letzten Jahren stark verändert. „Früher war das hier wie auf St. Pauli“, sagt Günther Freidl, Conchis Ehemann. „Hier gab es früher an die 16 Kneipen und Gaststätten“, erinnert sich Conchi. Doch nur wenige haben überlebt. „Aber wir haben einen langen Atem.“
Zum Anfang
Die Kneipeninhaberin hat für den Wandel eine klare Erklärung: „Erst ist es mit der Fischerei immer weniger geworden und dann kam auch noch das Internet. Um jemanden kennenzulernen, müssen die Leute heute nicht mehr raus. Sie gehen einfach ins Netz.“

Dennoch: Ans Aufhören hat sie nie gedacht. Auf viele Stammkunden kann Conchi bis heute zählen und auch viele Kurgäste kommen. Mit ihrer herzlichen Art ist sie die gute Seele vom „Deichtreff“. Und hat immer ein offenes Ohr für ihre Gäste. „Wenn du eine Kneipe führst, musst du gleichzeitig auch Pfarrer sein. Zuhören können, aber alles für dich behalten.“ Und das kann die 58-Jährige. „Klar, manchmal nerven dich die Gäste auch“, gesteht sie. „Aber bin ich dann mal im Urlaub oder ein paar Tage nicht da, dann fehlen sie mir.“

Ja, Conchi liebt, was sie tut, und zwar mit jeder Faser. „Der Deichtreff ist für mich einfach ein Lebensgefühl.“
Zum Anfang
Scrollen, um weiterzulesen Wischen, um weiterzulesen
Wischen, um Text einzublenden