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Flucht vor 70 Jahren

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Das allgegenwärtige Thema Flucht rüttelt bei vielen Menschen Erinnerungen auf – auch bei jenen, die als Vertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg im Cuxland eine neue Heimat gefunden haben.

Betroffene aus der Region erzählen ihre Geschichte.

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Insgesamt wurden 12 Millionen Deutsche während des Zweiten Weltkrieges und in den Jahren danach aus den Ostgebieten vertrieben.
Grafik: dpa

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Else Lächler aus Lüdingworth wurde 1931 in Eichendorf (heute Doina) in Bessarabien (heute Moldau) geboren. 1940 musste sie mit ihrer Familie auf Befehl Hitlers „heim ins Reich“. Als Entschädigung erhielt die Familie einen Hof in Westpreußen (heute Polen), von wo sie später vor der Roten Armee fliehen musste und schließlich in Cadenberge landete.

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Es ist das Jahr 1941. Die Flüchtlinge stehen mit ihren Pferdewagen rund um einen zugefrorenen See unter einem sternenklaren Himmel in Pommern, das heute in Polen liegt. Sie sind auf der Flucht vor der Roten Armee. Auf einmal beginnt einer von ihnen zu singen und einer nach dem anderen fällt ein. Als das Lied „Heimat, deine Sterne“ erklingt, fließen bei den Menschen die Tränen. An diesen zugleich traurigen und schönen Moment erinnert sich die Rentnerin bis heute.

Im Alter von sieben Jahren wurde Else allein, ohne Eltern, per Schiff mit einem Krankentransport über die Donau nach Bukarest gebracht. Was für eine Krankheit sie damals hatte, weiß die 84-Jährige heute nicht mehr. In Bukarest blieb sie eine Woche im Krankenhaus, bevor es nach Vierzehnheiligen in Oberfranken weiterging. Dort traf Else die Eltern, Großeltern und ihren Bruder wieder. Als erstes lernten die Neuankömmlinge, morgens direkt nach dem Waschen und Anziehen die Fahne zu hissen und „Heil Hitler“ zu schreien. Im Kloster, wo die „Umsiedler“ untergebracht wurden, herrschte fast so etwas wie Alltag. Die Männer arbeiteten, die Mütter kochten für alle und die Kinder wurden sogar so gut wie möglich unterrichtet.

Nach fast einem Jahr wurde Elses Familie nach Hollendorf (heute Bzowo/Warlubie) in Westpreußen gebracht, wo die Polen von ihren Höfen vertrieben worden waren. Dort hielten sie, wie schon in ihren früheren Heimat, Pferde, Kühe, Schweine und Kaninchen. Als der Vater zum Kriegsdienst eingezogen wurde, bekam die Familie polnische und russische Kriegsgefangene als Helfer zugeteilt.

Der Krieg rückte immer näher. Trecks, die aus Ostpreußen kamen, rollten an dem Hof vorbei. Eines Nachts trommelte es an der Haustür, Else erschrak zu Tode. Die Wehrmacht war bereits dabei, eine Kantine auf dem Hof aufzubauen. Hals über Kopf wurde ein Wagen zurechtgemacht, die Mutter packte warme Decken und Futter für die Pferde ein. Kleidung wurde kaum mitgenommen, schließlich wollte die Familie bald wiederkommen. Bis heute erinnert sich die 84-Jährige daran, wie es war, als sie sich von ihrem kleinen Hund verabschieden musste. Sie habe geheult wie ein Schlosshund, erzählt sie.

Am Anfang wurde Tag und Nacht durchgefahren, da die Front schnell näher kam. In Pommern durften die Flüchtlinge bei einer Familie übernachten, die Kühe und eine Schrotmühle besaß. Es wurde Stuten und Brot gebacken, dazu gab es Milchsuppe und Nudeln – die erste warme Mahlzeit seit Tagen. Weiter ging es über die Oder. Die Pferdewagen wurden mit improvisierten Fähren übergesetzt.Als der Treck ein Dorf erreichte, in dem noch ein Bäckerladen geöffnet hatte, wurden die Kinder Brot kaufen geschickt. Plötzlich gab es Fliegeralarm. Als die Kinder aus dem Laden kamen, war der Treck bereits weitergefahren, um nicht unter Beschuss zu geraten. Sie rannten los, um die Wagen einzuholen. Soldaten hoben die Kinder auf einen Wehrmachts-LKW und brachten sie zurück zum Treck, der unter Bäumen außerhalb des Dorfes Schutz gesucht hatte.

Else und ihre Familie gelangten bis Hamburg-Harburg, wo sie den großen Luftangriff erlebten. Der ganze Himmel sei voller „Tannenbäume“ gewesen. Die Pferde hätten vor Angst gezittert, auch das hat die Rentnerin nie vergessen. In Neuhaus bekamen die Flüchtlinge zu hören, sie sollten wieder zurückfahren, hier wäre kein Platz. Also drehte die Familie wieder um und fuhr nach Cadenberge. Auf den letzten Metern gab es einen gewaltigen Schreckmoment. Der Schimmel, der den ganzen Weg durchgehalten hatte, brach vor dem Wagen zusammen. Er erholte sich aber bald wieder, sodass es weitergehen konnte. Elses Vater kam in kanadische Kriegsgefangenschaft und konnte über das Rote Kreuz wieder mit ihnen Kontakt aufnehmen. Später schickte er sogar ein Care-Paket mit Schokolade und Kaffee.

Else Lächler lernte in Cadenberge ihren Mann kennen und zog mit ihm nach Lüdingworth, wo sie bis heute lebt. Ihr Mann ist inzwischen verstorben.Wenn die alte Dame aktuelle Bilder von Flüchtlingen sieht, kommen die Erinnerungen hoch. „All die kleinen Kinder machen mich traurig. Ich kenne das, wenn man los muss“, sagt Else Lächler. Einige Flüchtlinge habe sie in Lüdingworth bereits kennengelernt. „Die möchten sich integrieren“, ist ihr Eindruck.

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Erich Mutschke lebt heute in Hemmoor. Geboren wurde er 1929 als Sohn von Landwirten im Kreis Grünberg in Niederschlesien. Nach dem Einmarsch der Russen 1945 musste er fliehen.

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Bis zum Einmarsch der Roten Armee 1945 verlief Erich Mutschkes Leben und das seiner Familie ohne Probleme. Einen Monat später wurde er mit mehreren Gleichaltrigen von Russen in die Kreisstadt Grünberg (heute: Zielona Góra) gebracht. Dort wurden die Jungs verhört und anschließend in einen Keller gesperrt. Zehn Tage mussten sie dort auf dem Fußboden nur mit etwas Stroh liegen. Anschließend kamen sie in ein Sammellager.

Drei Tage später musste Erich Mutschke zusammen mit 750 Männern bei großer Hitze ohne Pause 20 Kilometer zum Bahnhof marschieren. Dort angekommen wurden die Männer in Waggons gepfercht. Nach zehn Tagen ohne Essen kam der Zug in einer größeren Stadt an. Erich Mutschke wurde immer schwächer und schließlich krank. Nach Kriegsende wurden die Kranken wieder mit der Bahn zurück nach hause gebracht. Der Landwirtssohn überlebte nur knapp. Seine Eltern waren noch zuhause, so dass er sich erholen konnte.

Am 26. Juni wurde die Familie endgültig gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Per Pferdewagen machte sie sich mit allen Dorfbewohnern auf den Weg in die Neißestadt Guben. Unterwegs gab es Speck, den Erich Mutschkes Mutter mitgenommen hatte. Die Tore öffnete ihnen keiner. Unterwegs wurden ihnen die Pferde abgenommen worden, so dass sie den Wagen selbst ziehen mussten. Anschließend wurde die Familie nach Brandenburg gebracht.

Da Mutschkes Verwandte in Braunschweig hatten, durften sie nach Westen ausreisen. Dort kamen sie ins Durchgangslager Friedland.Um etwas zu essen zu bekommen, musste Erich Mutschke arbeiten. Er meldete sich freiwillig als Gespannführer auf einem Bauernhof bei Gifhorn. Von den Einheimischen fühlte sich der „Flüchtlingsjunge“ nicht gut aufgenommen. „Das habe ich bis heute nicht vergessen“, so der Hemmoorer. Mit 19 Jahren lernte er Mauer und war auf dem Bau tätig, später wechselte er zu VW. In seiner alten Heimat war Mutschke noch oft. „Von den Polen wurde ich sehr freundlich aufgenommen“, erzählt er.

Einen Franzosen, der als Kriegsgefangener bei den Mutschkes in Niederschlesien auf dem Hof gearbeitet hatte, fand er über das Rote Kreuz wieder. Mehrfach besuchten sie sich gegenseitig und freundeten sich an. Seine Erfahrungen auf der Flucht hat Mutschke verdrängt, die Erinnerungen sind aber natürlich trotzdem da. „In Wedelheine bei Gifhorn, wo ich 40 Jahre gelebt habe, habe ich deswegen nicht gerne gewohnt“, erklärt Erich Mutschke. In Hemmoor, wo er heute lebt, weil seine Kinder dort arbeiten, gefällt es ihm dagegen gut. Heimatliche Gefühle hat Erich Mutschke aber nicht. Zuhause hat seine Familie seit Jahrhunderten Grund und Boden gehabt, er kennt dort jeden Acker. „Heimat kann man sich nicht aussuchen,“ sagt der 86-Jährige.

Die aktuelle Flüchtlingskrise hält er für schwierig. Es sei grausam, was die Menschen bei der Flucht übers Meer durchmachen müssten, es seien allerdings zu viele, die hier ankämen, so Mutschke.

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Christa Schäfer musste 1945 im Alter von sechs Jahren mit ihrer Familie aus Westpreußen fliehen. Dabei gerät sie unter Beschuss und muss um ihr Leben rennen. Heute lebt sie in Osten.

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Die Flüchtlinge sind gerade mit dem Zug in Greifswald angekommen. Plötzlich sind Flugzeuge zu hören. Sie werden von Tieffliegern beschossen. Über den Greifswalder Marktplatz rennen sie um ihr Leben. Das hat Christa Schäfer bis heute nicht vergessen.

„Wir sind immer gerade so davongekommen“, sagt Christa Schäfer. Sie stammt aus Marienburg (heute Malbork) in Westpreußen. Marienburg war damals ein Eisenbahnknotenpunkt und wurde mehrmals bombardiert. Christa war damals sechs Jahre alt und das Nesthäkchen der Familie. Mit ihren drei Schwestern und ihrer Mutter sollte sie am 25. Januar 1945 in Richtung Westen fliehen. Der Vater und beide Brüder waren zum Militär eingezogen worden.

Am Bahnhof angekommen, stand dort zwar ein Zug, der fuhr allerdings auch nach langem Warten nicht ab. Die Familie ging daher den kurzen Weg nach Hause, um dort zu übernachten. Innerhalb der wenigen Stunden, seit sie
das Haus verlassen hatten, war es schon geplündert worden. Am nächsten Tag fuhr der Zug tatsächlich ab. Als die Waggons aus Marienburg herausrollten, waren schon die Geschützfeuer der Russen zu sehen. In den Waggons lag Stroh. Ständig hielt der Zug auf offener Strecke an und geriet unter Tieffliegerbeschuss. Erst als ein mitreisender Regierungsbeamter, der noch seine Dienstpistole dabei hatte, den Lokführer mit der Waffe bedrohte, setzte der Zug seine Fahrt fort.

In Pommern wurde Christa mit ihrer Familie bei Bauern untergebracht. Dort blieben sie vier Wochen. Danach ging es weiter mit dem Zug über Greifswald nach Berlin. Dort besaß Christas Onkel eine Kneipe. Das war die Anlaufadresse für alle Verwandten. Im Luftschutzkeller der Kneipe verdiente die damals Sechsjährige ihr erstes Geld. Sie sang „Kleine Möwe flieg nach Helgoland“ und bekam dafür von den im Keller Ausharrenden ein paar Münzen. Eigentlich sollte die Familie weiter nach Halle, aber in der Nacht
vor der geplanten Abfahrt wurde der Anhalter Bahnhof zerstört. 

Kurz darauf kam die Nachricht, dass ein weiterer Onkel mit seiner Familie in Cismar in Schleswig-Holstein angekommen sei. Daraufhin machten sich Christa und ihre Familie auf den Weg in das Klosterdorf. Dort blieb sie bis 1953. Danach zog Christa nach Lübeck und machte schließlich eine
Schneiderlehre. Der Vater kam aus dem Krieg nicht mehr zurück. Nachdem Christa Schäfer beruflich oft umziehen musste, lebt sie seit 1978 in Osten. Aufgrund ihres Lebenslaufs habe sie nirgends richtig Wurzeln schlagen können, erzählt die 76-jährige. Heimat sei für sie da, wo man im Sandkasten gespielt habe. Sie fühle sich aber in Osten weitestgehend zu Hause, so die Rentnerin.In ihrer Heimatstadt Marienburg ist Schäfer nicht mehr gewesen.Sie habe niemanden gehabt, der mit ihr dorthin gefahren wäre, erklärt die Ostenerin. Sie habe aber auch kein riesengroßes Interesse daran gehabt. 

Die heutige Flüchtlingssituation hält Schäfer nicht mit der damaligen für vergleichbar. Damals habe es sich um Menschen aus demselben Kulturkreis gehandelt, trotzdem sei sie als Kind nicht überall gerne gesehen gewesen. Sie könne also die Gefühle der Menschen, die endlich in der Freiheit angekommen seien und keine Angst mehr haben müssten, nachempfinden, so die gebürtige Marienburgerin.

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